Das iPhone 5s

Ich habe mich selten so wenig auf ein neues Handy gefreut wie dieses Mal. Eigentlich wollte ich mal eine Periode aussetzen. Als Besitzer eines iPhone 4s hatte ich im Grunde genug. Alleine LTE hat mich gereizt, das hätte ich aber womöglich in einem günstigeren Gerät auch bekommen. Nun bin ich weder Fanboy noch Apple-Gegner, ich finde es einfach praktisch, dass sich die Dinger so wunderbar mit meiner restlichen Hard- und Software verstehen, was nun mal alles aus dem Hause Apple kommt. Und da wiederum gibt es genug gute Gründe für, die ich hier nicht in ihrer epischen Breite darlege.

Die Geschäftspolitik des Unternehmens aus Cupertino geht mir eigentlich auch gegen den Strich und da ein wenig Gutmensch in jedem steckt, wollte ich auch aus Nachhaltigkeitsgründen mal eine Runde aussetzen. Für einen kompletten Ausstieg aus der Apple Smartphone-Welt bin ich dann doch zu bequem.

Die Dame der Telekom sagte mir  allerdings, dass mein Vertrag schon upgradefähig sei, aber erst im Mai nächsten Jahres ohne Gerät günstiger würde. Da ich dann wohl eh zum 5s gegriffen hätte, konnte ich mir das Ding also jetzt schon holen. Die Frage war eigentlich nur, welche Farbe. Das 5c hatte ich für mich schon ausgeschlossen, da es für meinen Geschmack nach zu viel Plastik aussah und dann im Verhältnis doch zu teuer war. Kurz habe ich mit dem Gedanken gespielt, mir ein Goldenes zu bestellen: wenn schon scheiße, dann richtig! War mir dann aber doch zu hart. Also Schwarz, bzw. Spacegrey wie es neuerdings heißt.

Das gute Stück war dann eine Woche später da, ich verstehe bis heute die Schlangen vor den Applestores nicht. Zwei Tage habe ich noch gebraucht, um es auszupacken und einzurichten, ich war nicht sonderlich gespannt und mein Spieltrieb hielt sich in Grenzen.

Erster Eindruck 

Nach dem Auspacken war der erste Eindruck prima. Das Smartphone liegt gut in der Hand, nicht zu schwer, wirkt besser verarbeitet als das 4er. Das kannte ich aber schon vom iPhone 5 von Freunden und Verwandten, von daher für mich relativ neu, für die meisten anderen wohl nicht. Nach dem Setup habe ich mich erst einmal erschrocken. Die komplette Oberfläche hatte nicht mehr viel mit meinem 4s zu tun. Viel mehr hat mich das Design des iOS7 an die Optik von Lillifee und Filly Pferd aus den diversen Heftchen meiner vier Jahre alten Tochter erinnert. Eine Ebene tiefer sieht das ganze dann schon deutlich anders aus. Die Standardprogramme wie Mail, Safari, Nachrichten, Kamera oder einfach nur Telefon sehen im Innenleben klar designt und aufgeräumt aus. Warum dann dieses verspielte Äußere? Da scheint Apple in der Anmutung doch wirklich das erste Mal von Microsoft überholt worden zu sein.

Neues

Bleibt die Technik: Was ist neu? Was ist anders? Was besonders gut? Ein paar Dinge fallen schon auf. Das Gerät ist für ein Smartphone enorm schnell. Das gilt sowohl für die Apps selber als auch für Safari und Mail. Dank LTE, was erstaunlich oft verfügbar ist, sind die angeforderten Webseiten sofort da, das macht schon Spaß. Merkwürdig dabei, dass die Kartenfunktion, die in der Vergangenheit eigentlich ja schon genug Schelte ertragen musste, langsamer als auf dem alten iOS erscheint. Mag aber nur gefühlt so sein. Der Rest läuft wie gewohnt zuverlässig, Kalender, Musik, Nachrichten, alles wie gehabt. Sogar der viel diskutierte Fingerabdruckscanner stört nicht, da man ihn einfach nicht aktivieren muss. Bleibt die Kamera, was kann die nun besser als früher?

Fotos

Bei einem Spätsommerspaziergang schieße ich eher nebenbei ein Panorama aus der Hüfte. Auf dem Display sieht das schon mal recht nett aus, das hat bei der Größe aber eigentlich keine Aussagekraft. Wieder vor dem Rechner importiere ich das Foto dann in Photoshop und staune nicht schlecht. Die Qualität ist für eine „Handykamera“ verdammt gut. Sicher, ich hatte perfekte Lichtverhältnisse und mit ein paar Wolken am Himmel sieht ein Panoramabild immer gut aus, aber das ist schon wahnsinnig gut. Die Farben sind knackig, bei 100% Pixelansicht alles extrem scharf. Ich nehme so gut wie kein Bildrauschen war. Die Größe des Bildes von 10.800 x 2.400 Pixel macht es möglich, das Foto verlustfrei bei 300 dpi auf knapp 1m x 20cm im Offset zu ziehen, was es bei der Schärfe des Bildes sogar möglich macht, den nicht vorhandenen optischen Zoom insofern auszugleichen, dass eine Bildvergrößerung von rund 30% immer noch ausreicht, um das Ganze als Print oder auf dem Bildschirm zu verwenden. Theoretisch wäre es sogar möglich, das Bild im Digitaldruck auf ein 4 Meter großes Banner zu ziehen. Aber auch bei „normalen“ Bildern zeigt das 5s eine ganz respektable Leistung: Ich habe mangels einer anderen Kamera einen Schnappschuss von meinem Neffen gemacht, den ich für ein Geschenk habe printen lassen. Das Ergebnis stelle ich hier nicht rein (Bilder von Kindern und so…), es ist aber durchaus vergleichbar mit dem, was so an Kompaktkameras auf dem Markt ist. Mein persönliches Fazit bei der Fotofunktion ist alles in allem sehr zufriedenstellend. Eine halbwegs professionelle Kamera wird durch ein Handy nie ersetzt, schon alleine wegen der Größe der Linse, aber wer unterwegs ein paar Schnappschüsse mit vernünftiger Qualität machen möchte und dabei auf einen optischen Zoom verzichten kann, der braucht eigentlich keine Kompakte mehr. Der eingebaute Mischlicht LED-Blitz des 5s überzeugt mich dabei auch.

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Video

Die letzte Frage, die sich mir stellt, ist, wie die Videos auf dem 5s aussehen. Generell stört mich seit langem, dass das iPhone Video nur in 30p und nicht in 25p oder 50i aufzeichnet, aber mit Final Cut Pro X ist das ganze auch schnell gelöst, da sich bei FCP verschiedene Formate recht einfach innerhalb eines Projektes miteinander kombinieren lassen. Ich persönlich filme bei professionellen Jobs fast ausschließlich mit der XDCAM EX3 oder manchmal mit der MarkIII. Bei der EX3 habe ich mir angewöhnt interlaced zu drehen und das ganze nachher im Final Cut progressiv zu schneiden. Das bedeutet zwar etwas mehr Zeit zum Rendern, allerdings habe ich bis dato so die besten Ergebnisse erzielt. Die Testaufnahmen habe ich bei einem Dreh für ein Weingut nebenbei gemacht. Dabei habe ich bewusst auf Helferlein wie Stativ, Steadygriff oder ähnlichem verzichtet und das iPhone so verwendet, wie es wohl auch die meisten Normalverbraucher machen würden. Zuerst fällt auf, dass das Handling bei ruhigen Bildern ein Unding ist. Ein Handy ruhig in der Hand zu halten ist eigentlich unmöglich. Ich muss das insofern relativieren, dass ich auch bei großen, professionellen Kameras versuche, immer vom Stativ und sehr selten von der Schulter zu drehen. Dennoch sorgen die 30p hier noch zusätzlich für ordentliches Ruckeln. Der Versuch, aus einer Bewegung heraus (siehe Beispielvideo) auf einem nahen Objekt (in dem Fall eine Weintraube) zum Stehen zu kommen, geht auch gründlich in die Hose. Der Autofokus versagt hier auf ganzer Linie. Bei den Bildern, bei denen man auf einem sich nur leicht bewegendem Objekt bleibt, sind hingegen ok. Gegen die Tiefenschärfe und die Farben der Bilder ist auch nichts zu sagen, das sieht alles ganz in Ordnung aus.
Der Import in Final Cut X klappt problemlos. Ich habe extra FCP X gewählt, da das Programm für knapp 500,00 € inkl. Motion und Compressor und ein paar zusätzlichen Plug Ins auch für Consumer noch bezahlbar ist. Die meisten werden jedoch wohl auf iMovie (Mac) arbeiten, im Großen und Ganzen sind sich beide Programme aber nicht unähnlich. Das Projekt wird auf 1.080 25p angelegt. Dann folgt eine weitere Ernüchterung: Das Ruckeln wird bei einigen Bildern selbst mit dem Stabilisator von FCP X so unerträglich, dass ich einige Clips direkt wieder lösche. Beim Abschlussbild wird zudem schnell deutlich, dass die Bilder der Kamera im Low Light Bereich enorm rauschen. Der fertige Clip zeigt dann nach dem Export in der Originalgröße (HD), dass Schärfe und Kontrast des Bildes generell nicht so der Hammer sind. Alles wirkt leicht vermatscht und dunkle Stellen rauschen auch bei ansonsten optimalen Lichtverhältnissen.
Mein Fazit zur Videofunktion: Wohl jede Kompaktkamera (erst recht jede Videokamera) macht wahrscheinlich bessere Aufnahmen als das iPhone. Dass kein optischer Zoom vorhanden ist, ist dabei wohl eher eine Wohltat, wenn ambitionierte Hobbyfilmer gezwungen sind, mit einer Festbrennweite auszukommen. Die Slow Motion Funktion wird uns dagegen wahrscheinlich unzählige Brautpaare auf den Fernsehern dieser Republik bescheren, die zu Robbie Williams in Zeitlupe den Hochzeitstanz absolvieren. Wenn mal keine andere Kamera zur Hand ist, kann man das iPhone aber ganz gut benutzen um die ersten Schritte der Kinder mit zu nehmen oder ein paar nette Aufnahmen im Urlaub zu machen. Ein auch nur ansatzweise professioneller Einsatz verbietet sich von selber. Das sollte inzwischen auch der MDR begriffen haben.

Fazit

Bei den ersten iPhones habe ich noch nicht mitgespielt und bin beim 3s eingestiegen. Das Ding hat mir viel Freude bereitet. Giana Sisters und FIFA Soccer habe ich damit bis zum Erbrechen gezockt und der Reiz des Neuen hat die Freude sicher mit bestimmt. Das 4s habe ich fast ausschließlich als mobilen Hotspot benutzt, wenn mal kein WLAN zur Hand war. Oder halt zum Telefonieren, Mailen und Facebook. Und natürlich als Knipse für unterwegs. Am Anfang habe ich sogar noch versucht SIRI zu benutzen, was eher unfreiwillig komisch war. Das 5s wird wohl nicht anders genutzt, ist aber auf Grund der Geschwindigkeit und der recht vernünftigen Kamera ein Schritt nach vorne, wenn auch auf den ersten Blick kein großer. Man bekommt technisch was man erwartet, ist relativ State of the Art und dazu ist das Produkt noch wertig produziert und gut designt. Es gibt aber sicher auch Alternativen, im Fotobereich z.B. das Lumia von Nokia. Oder wenn das Gewissen mit entscheiden darf, das Fairphone. Als eher fauler User bleibe ich aber beim iPhone, werde das 6 aussetzen und in zwei Jahren schreiben, wie das 6s denn so ist.